Internet-Law

Onlinerecht und Bürgerrechte 2.0

8.2.13

Hi-Tech im Gerichtssaal

Letzte Woche habe ich für meinen urlaubenden Kollegen ein paar Termine als Nebenklagevertreter in einem Strafverfahren wegen zweifachen Mordes wahrgenommen, was für mich aus verschiedenen Gründen eine interessante Erfahrung war.

Weil man ja oft den Eindruck hat, die Ermittlungsbehörden würden technisch etwas hinterherhinken, war ich dann doch davon überrascht, wie die Spurensicherung heutzutage arbeitet. Die Drehbücher aktueller Krimis bilden das bislang zumeist noch nicht ab.

Die Spurensicherung des bayerischen LKA fertigt mittlerweile zumindest für bedeutendere Verfahren einen 3D-Scan des Tatorts – im konkreten Fall eines Wohnhaus – an, dessen filmische Umsetzung man dann per Beamer im Gerichtssaal vorführt. So wird wirklich jedes Detail festgehalten, wie man es ansonsten auch mittels tausender Fotos und herkömmlicher Filmaufnahmen nicht gekonnt hätte. Im Gerichtssaal erlebt man dann einen auf die Leinwand geworfenen Rundgang durch das Tatgebäude und die Betrachtung einzelner Gegenstände und Spuren aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Mich hat das durchaus beeindruckt, vermutlich vor allem deshalb, weil man immer überrascht ist, wenn die Polizei dann doch mit moderner Technologie arbeitet.

Und auch das Verhalten der Medien war interessant. Am ersten Prozesstag waren verschiedenste Fernsehteams und Vertreter großer überregionaler Tageszeitungen und Magazine vor Ort und haben die Prozessbeteiligten förmlich belagert, während am dritten Verhandlungstag allenfalls noch ein oder zwei Journalisten anwesend waren. Zur Urteilsverkündigung wird die Medienmeute mit Sicherheit zurückkehren, aber eine Hintergrundberichterstattung, die tatsächlich den ganzen Prozess beleuchtet, scheint nicht (mehr) gefragt zu sein. Den mithilfe eines 3D-Scanners erzeugten Film vom Tatort haben die Medien jedenfalls verpasst.

posted by Stadler at 22:55  

15 Comments »

  1. Da Sie sich ansonsten eher kritisch dazu äußern, wenn die Polizei über umfangreiche technische Ermittlungsmöglichkeiten verfügt, wundere ich mich etwas über Ihren recht positiv gestimmten Bericht.
    Jedenfalls ist der 3-D-Scan recht aufwändig und wird deshalb in der Regel auch nur bei derartigen schweren Delikten (vermutlich haben Sie Ihren Kollegen im Notzinger Doppelmord-Fall vertreten ???) eingesetzt, z.B. auch bei dem Kindermord von Krailling.
    Dass die „Meute“ zwischen erstem und letztem Verhandlungstag wenig Interesse zeigt, ist nicht ungewöhnlich, führt aber auch dazu, dass dann mancher Journalist, der nur die Hälfte mitbekommen hat, sich aufgrund seiner halbgaren Eindrücke noch vor der (zweiten) Verurteilung eines Angeklagten zu Artikeln unter der Überschrift „Ein Mord, der keiner war“ bemüßigt fühlt (SZ). Daher sollte man sogenannten Gerichtsreportagen recht skeptisch gegenüber stehen, ein objektives und zutreffendes Bild kann man bei derartiger bruchstückhafter Prozessbeobachtung kaum erwarten.

    Comment by klabauter — 8.02, 2013 @ 23:40

  2. Interessant, ich habe das auch für eher SciFi aus dem Film gehalten. Wie darf ich mir das vorstellen: die machen Video und messen den Raum in 3D aus, so dass man sich dann darin mehr oder weniger frei bewegen kann? Das ist ja vor allem dann interessant, wenn viele Kleinigkeiten noch mit drauf sind, würde ich schätzen?

    Auch das Verhalten der Presse ist interessant, kenne ich aus der #eidg ähnlich: die wirklich spannenden Sachen kriegen sie so nicht mit. Das ist ein Ausdruck des Sparens, sie können oder wollen sich nicht mehr leisten, wirklich intensiv zu berichten. Beim Leser reicht ja eine reißerische Schlagzeile, auch wenn die vielleicht nur halb stimmt.

    Comment by Alvar — 8.02, 2013 @ 23:40

  3. @1: Ich kann beim besten willen auch keinen Grund erkennen, warum man dieses Ermittlungsinstrument grundsätzlich ablehnen sollte – wenn andere Untersuchungen darunter nicht leiden. Es wird auch niemand in seinen Rechten eingeschränkt, also spricht ja nun wirklich nicht viel dagegen.

    Comment by Alvar — 8.02, 2013 @ 23:46

  4. @klabauter:
    Hier liegt vielleicht ein Missverständnis vor. Ich stehe dem Einsatz von Überwachungstechnologien kritisch gegenüber. Damit, dass die Polizei ihre Arbeit macht und zur Aufklärung eines Verbrechens z.B. bei der Spurensuche moderne Technologie einsetzt, ist nichts einzuwenden.

    Ja, es ist der Prozess in Landshut wegen des Doppelmordes in Notzing.

    @alvar:
    Also technisch kann ich Dir das nicht genau erklären, zumal ich mich damit nicht weiter befasst habe. Mit einem Video im herkömmlichen Sinne hat das aber wohl wenig zu tun. Der 3D-Scanner erfasst, soweit ich es verstanden habe, von mehreren vordefinierten Punkten aus den kompletten umliegenden Raum samt aller Details.

    Comment by Stadler — 8.02, 2013 @ 23:52

  5. Film zum Thema: http://www.myvideo.de/watch/8188573/3D_Laserscanner_beim_Bayerischen_LKA

    Comment by Ulrich Meier — 9.02, 2013 @ 00:00

  6. Interessante Technik, aber wer sagt z.B., daß die gefundene Hülse tatsächlich an der Stelle lag und nicht durch einen Tritt oder Wind bewegt wurde? Außerdem können Bilder erzeugt werden, die dann suggestiv eingesetzt werden (eine Person bewegt sich langsam/schnell, geht aufrecht/geduckt).

    Ich habe mal erklärt bekommen, wie eine Stadt mit Hilfe eines Computerprogramms eine Lärmbelastung errechnet. Dabei mußten zur Erstellung der Berechnungsgrundlage eine Menge Daten einfach festgelegt werden, für deren Wert es in meinen Augen keinen Grund gab. Was später den Bürgern präsentiert worden wäre, hätte aber einen sehr objektiven Anschein gehabt. Aufs große Ganze mag das passen aber an einzelnen Stellen hätte die Lärmbelastung auch ganz anders aussehen können, denke ich. Auch bei DNA-Abgleichen hat man ja schon Überraschungen erlebt.

    Dieses Instrument ist gewiß sehr hilfreich, aber mich gruselt vor Ermittlern, die sich dann auf Ergebnisse dieses Kastens verlassen und nicht mehr hinterfragen, ob die erstellten Daten so verläßlich sind, daß sie nicht in Frage gestellt werden müssen.

    Comment by Dieter — 9.02, 2013 @ 00:41

  7. @Dieter: Der Kasten ist zunächst einmal „strunzdumm“ und erzeugt einfach nur eine Punktwolke, die mit dem aus der Kamera erzeugten Bild „angemalt“ wird. Der Scanner nimmt – wie ein Fotoapparat oder der Betrachter vor Ort – die Situation so auf, wie er sie zu einem bestimmten Zeitpunkt vorfindet. Die Interpretation der Daten obliegt dem Benutzer der Auswertesoftware.
    Die Daten an sich sind insofern verlässlich, als sie die Situation zum Zeitpunkt „Tatzeit + x“ darstellen. Was während der Zeit x passiert ist kann der Kasten natürlich nicht sagen.
    Die Möglichkeit, mit Hilfe der Daten Annahmen zu visualisieren und deren Plausibilität zu prüfen ist sicher interessant; man muss dabei aber halt im Hinterkopf behalten dass es tatsächlich Annahmen sind.
    Ansonsten sind beim LKA meines Wissens Vermesser beschäftigt, und die hinterfragen ihre Messwerte grundsätzlich denn da gilt die Weisheit „wer viel misst misst Mist“.

    Comment by Ulrich Meier — 9.02, 2013 @ 02:16

  8. Interessant wäre ja zu erfahren, warum auf Seiten der Anwaltschaft noch immer davon ausgegangen wird, dass Polizisten nur mit Block und Bleistift dem Täter hinterherkamen.

    Comment by Hans — 9.02, 2013 @ 08:49

  9. Saubere Ermittlungsarbeit eines Menschen ist in der Tat nicht durch noch so beeindruckende Technik zu ersetzen.

    Aber „wenn es denn der Wahrheitsfindung dient“ …

    Comment by Internetausdrucker — 9.02, 2013 @ 08:56

  10. @Hans Die Antwort darauf hat Thomas Stadler in seinem kleinen Artikel gegeben: Er selbst ist kein Strafrechtler, also nicht jeden Tag mit solchen Dingen beschäftigt. Außerdem wird in unseren Medien, z.B. in TV-Krimis, dies alles nicht gezeigt.

    Comment by Dierk — 9.02, 2013 @ 09:39

  11. Eine Super-Hi-Tech-Tatortskizze.

    Schade, dass diese Wundertechnik nicht von einem Straftverteidiger beschrieben wird, der mit diesem ganzen Datenmeer in der Akte die Unschuld seines Mandanten beweist.

    Comment by Mirco — 9.02, 2013 @ 10:48

  12. @ Ulrich Meier — 9.02, 2013 @ 02:16

    Mit 3D-Technik kenne ich mich halbwegs aus, dafür interessiere ich mich. Es geht genau um dieses „plus x“. Auch bei DNA dachte man die ganze Zeit, man hätte eine eindeutige Methode. Dann kam das Phantom von Heidelberg. Im TV hörte ich auch von einem anderen Fall, wo DNA-Spuren zu einem Täter führten. Leider saß der Täter zum Tatzeitpunkt im Knast. Entweder ist der Knast nicht sicher, oder die DNA ist woanders her.

    Durch das Lesen von Anwaltsblogs entwickelt man leider ein Mißtrauen gegenüber der Obrigkeit, das einem das Leben nicht immer einfacher macht.

    Comment by Dieter — 9.02, 2013 @ 12:00

  13. Seit gibt ein herkömmliches Tatortfoto die Lage der Hülse zum Tatzeitpunkt wieder? Warum kann diese bei einem Foto nicht ebenso vorher durch Wind oder Tritt verschoben worden sein

    Comment by Christian — 9.02, 2013 @ 16:17

  14. „So wird wirklich jedes Detail festgehalten, wie man es ansonsten auch mittels tausender Fotos und herkömmlicher Filmaufnahmen nicht gekonnt hätte.“

    Das ist nicht richtig.Auch ein 3-D-Scanner ist nur ein Sensor, der von einer Stelle aus alles aufnimmt, was er sieht. Was hinter einer Vase liegt, kann er genau so wenig aufnehmen, wie die Rückseite der Vase. Die einzige Zusatzinformation, die geliefert wird, ist die Relative Position des gemessenen Punktes im Raum. Das vereinfacht das Vermessen und ermöglicht eine beeindruckendere Visualisierung.

    Damit will ich nicht sagen, dass das wertlos ist. Insbesondere bei der Simulation von möglichen Tathergängen kann ich mir da Vorteile vorstellen. Grundsätzlich wird aber nicht mehr gesehen, als eine Kamera von der gleichen Position sehen würde.

    Comment by Peter — 11.02, 2013 @ 17:41

  15. Dass die „Meute“ im Großteil nur zum Prozeßauftakt und zur Urteilsverkündung aufläuft ist einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass sich viele Verlage keinen echten Gerichtsreporter mehr leisten (können / wollen), der den ganzen Tag im Gericht verbringt und von Saal zu Saal springt. Mit der Westfälischen Rundschau in Dortmund hat es jetzt die erste Tageszeitung, die sich gleich gar keine Redaktionen mehr leistet und als Zombiezeitung mit bei der Konkurrenz eingekauften Inhalten erscheint. Dafür hatte sie bis zum letzten Tag eine echte Gerichtsreporterin die an LG und AG jede Putzfrau kannt. Nun kommen nur noch Praktikaten.

    Jede neue Technologie die es den Ermittlern und dem Gericht möglich macht bestimmte Dinge heraus zu finden und sich ein möglichst umfassendes Bild zu machen ist zunächst begrüßenswert. Solange sie mit der entsprechenden Skepsis und dem Wissen, dass auch diese nicht die absolute Wahrheit kennt eingesetzt wird. Gerade bei der Rekonstruktion von Tathergängen bleiben oftmals Fragen, die man teilweise in einer 3D-Simulation in Kombination mit wissenschaftlichen Versuchen klären kann. Der Vorteil ist ja, dass nicht nur ein umfassendes Bild erzeugt wird, sondern auch eine Vermessung statt findet. Stark vereinfacht ausgedrückt ließe sich damit zum Beispiel klären ob die Aussage eines vermeintlichen Opfers stimmt, der Beschuldigte habe mit einem zwei Meter langen Rohr in einem engen Korridor auf in eingeschlagen. Vermessung auf Papier: Passt schon diagonal durch den Gang. 3D-Simulation: Niemand schlägt genau 45,000 Grad mit einem Rohr. Passt also nicht.

    Comment by Redakteur — 13.02, 2013 @ 12:07

RSS feed for comments on this post.

Leave a comment