Internet-Law

Onlinerecht und Bürgerrechte 2.0

18.5.10

Anstieg der Computerkriminalität?

Bundesinnenminister de Maiziere hat heute die polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2009 vorgestellt und weist u.a. darauf hin, dass die Computerkriminalität deutlich zugenommen habe und hierbei der größte Anstieg beim Ausspähen und Abfangen von Daten zu verzeichnen gewesen sei. Das berichtet die FTD Deutschland.

Wenn der Staat neue Straftatbestände schafft, wie das beim sog. Abfangen von Daten (§ 202b StGB) geschehen ist, dann ist ein Anstieg der statistischen Kriminalitätsrate allerdings kaum zu vermeiden, denn schließlich wird ein Verhalten unter Strafe gestellt, das bislang straffrei war. Es wäre ein Gebot der Seriosität, solche Umstände auch bei der Präsentation der Statistik nicht unerwähnt zu lassen.

Die deutsche Kriminalitätsstatistik ist ohnehin ein Problemfall, der leider in der Presse als solcher nie thematisiert wird. Denn die Statistik erfasst keineswegs nur die Fälle erwiesener bzw. verurteilter Straftaten, sondern vielmehr alle polizeilichen Verdachtsfälle. Hier fließen deshalb auch “Taten” ein, die keine sind. Selbst dann, wenn kein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird oder ein solches bereits nach kurzer Zeit wegen des Fehlens eines Tatverdachts eingestellt wird,  erscheinen diese “Taten” in der Statistik.

Es wäre sicherlich auch möglich, aussagekräftige Kriminalitätsstatistiken zu führen. Aber gerade das ist nicht erwünscht, denn die Kriminalitätsstatistik ist seit jeher ein Instrument der Innenpolitik. Liebe Qualitätsjournalisten da draußen, wäre das nicht vielleicht mal ein Thema für eine kritische Berichterstattung?

Update: Gerade so als wollte die Süddeutsche die Richtigkeit meines Blogbeitrags bestätigen, titelt das Blatt heute immerhin auf Seite 1: “Internet-Kriminalität wächst um 18 Prozent”. Erwartungsgemäß liest man allerdings kein Wort darüber, dass durch die Umsetzung der Cybercrime-Convention eine Reihe neuer Straftatbestände im Bereich der Computerkriminalität geschaffen wurden – u.a. der genannte § 202b StGB – wodurch die Strafbarkeit in diesem Bereich erheblich ausgeweitet wurde. Und das schlägt sich nunmehr eben auch in der Statistik nieder. Auch Prof. Henning Ernst Müller spricht im Beck-Blog von einem wenig überraschenden Anstieg bei  Computerdelikten.

posted by Stadler at 22:28  

8 Kommentare »

  1. Da kann man bloß sagen: bleiben Sie zumindest sauber oder lassen sich zumindest nicht erwischen!

    MfG
    Viktor

    Comment by Viktor Leis — 18.05, 2010 @ 22:50

  2. Das liegt tatsächlich nur daran, daß die endlich einen zweiten Computer gekriegt haben.

    Comment by vera — 18.05, 2010 @ 22:57

  3. Moin,
    wie aussagekräfig die Statistik ist, sah man auch schön an diesem Beispiel:
    http://www.utopia.de/magazin/keine-ahnung-unter-dieser-nummer

    Gruss
    sam

    Comment by Sam Vimes — 19.05, 2010 @ 09:05

  4. Eine weitere Unschärfe der PKS ist die Anzeigebereitschaft, die ebenfalls stark schwankt. In einigen Bereichen gibt es Dunkelfeldstudien, in anderen nicht.

    Comment by Ein Mensch — 19.05, 2010 @ 09:23

  5. Hallo,

    ich gehöre zum eYouGuide Team der EU Kommission und bei der Suche nach relevanten Infos zum Thema online Schutz in sozialen Netzwerken und von Minderjährigen bin ich auf Ihren sehr interessanten Artikel gestoßen.
    Im Zusammenhang hiermit dachte ich, es könnte Sie bzw. Ihre Leser eventuell interessieren, dass die EU Kommission eine eigene Webseite auch auf deutsch zum Thema hat.

    Hier der Link: http://ec.europa.eu/information_society/eyouguide/navigation/index_de.htm

    Beste Grüße,

    Alex
    eYouGuide Team

    Comment by Alex — 20.05, 2010 @ 17:30

  6. Danke für die Information! Wie wir dummes Stimmvieh uns doch von Statistiken übertölpeln lassen, wenn wir die Hintergründe nicht kennen… gefickt eingeschädelt!

    Comment by AngryCat — 27.05, 2010 @ 10:34

  7. hay

    Comment by 12384651 — 31.05, 2010 @ 12:42

  8. Die meisten Straftaten werden nicht bzw. nur punktuell verfolgt. Das ist der Bereiche der Wirtschafts- und Finanzkriminalität, einschließlich Geldwäsche, Korruption etc. Kriegshetze gehört auch dazu sowie die Beteiligung an Kriegen. Dazu gehört auch die Justizkriminalität, wie Rechtsbeugung, Urkundenfälschung, Freiheitsentziehung etc.

    Die Kriminalitätsstatistik ist sehr einseitig und erzeugt ein falsches Bild. Strafrechtlich verfolgt werden im Wesentlichen nur die Kleinen.

    Würden die Großen strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen, gebe es bestimmt weniger Kriminalität seitens der Kleinen.

    Comment by Rolf Schälike — 5.05, 2014 @ 11:47

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